2015

Es war ein dunkler Tag für Elzach

Heiko Haumanns Buch "Eine ’Judenaktion’ 1938 in Elzach": Das Schicksal der Familie Türkheimer, Einblicke ins Elzach der 1930er Jahre.

 

28. November 2015

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Bernd Fackler


 

 

 

 

 

 

 

 

Thema Türkheimer: Autor Heiko Haumann (sitzend) mit Zeitzeuge Heinz Moser, Philipp Hässler vom Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis und Bürgermeister Roland Tibi (stehend, von links). Foto: Bernd Fackler

ELZACH. 10. November 1938: "Da muss wohl ein böser Mann wohnen?", wenn man ihm die Fensterscheiben einschmeißen darf, dachte sich der elfjährige Erich Schätzle, der dabei war. "Man mag sich wundern, wie (sich) all diese Begebenheiten so klar in meiner Erinnerung festgehalten haben, doch sind sie zu traurig, um vergessen zu werden...es blieb diesen Halunken vorbehalten, diese Schandtat in Elzach zu begehen..." (Brief von Dr. Bruno Türkheimer, San Francisco, an Elzachs Bürgermeister Adolf Rapp, 18. März 1952).

Die "Demonstration" am 10. November 1938, einen Tag nach der berüchtigten "Reichskristallnacht", samt eingeschlagenen Fensterscheiben am Wohnhaus des jüdischen Tierarztes Dr. Bruno Türkheimer, dessen Verhaftung und zeitweilige Haft im Konzentrationslager Dachau: Darüber ist – an sich ja schon bemerkenswert – mehrfach berichtet und geschrieben worden, auch in der BZ und wohl am ausführlichsten von Bruno Türkheimers Berufskollegen, dem Veterinär Eberhard Mäder, 1993 im Kreisjahrbuch "s’eige zeige": "Dr. Bruno Türkheimer. Das Schicksal eines jüdischen Tierarztes in Elzach unter der Hitlerdiktatur".

 

Jetzt also legte, mit der Stadt Elzach als Herausgeber, der einheimische Historiker Heiko Haumann das Buch "Eine ’Judenaktion’ 1938 in Elzach. Die Ausschreitungen gegen die Familie Türkheimer " vor. Auf 136 Seiten – davon alleine 60 mit kopierten Original-Dokumenten – wird Elzachs "schwarzer Tag" eingehend beleuchtet und noch weit mehr.

Das Buch wurde in der Heimatkundlichen Sammlung der Stadt vorgestellt – unter viel Interesse bei allen Altersstufen, auch von Elzachern, die 1938 Kind oder Jugendliche, also Zeitzeugen waren. Ein junger Besucher, der Elzacher Student Sebastian Kempchen, kam sogar extra deshalb mit dem Fernbus aus Berlin her und fuhr gleich am anderen Morgen zurück.

Für den Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis sagte der Vorsitzende Philipp Hässler: "Man sollte meinen, 70 Jahre nach Kriegsende ist die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus eine Selbstverständlichkeit. Dass gerade kleine Städte sich oft aus vermeintlich nachvollziehbaren Gründen schwertun – auch Elzach tat sich schwer – das ist so. Umso mehr ist das Engagement der Stadt, sich diesen Themen zu stellen, zu würdigen. Und dass sich mit Heiko Haumann der profundeste Experte unserer Mitbürger damit auseinandersetzt, ist ein Segen."

Für die Stadt sagte Bürgermeister Roland Tibi: "Nur wenn wir selbst durch die Erkenntnisse aus diesem Buch hinter die Ereignisse und deren Steuerung durch die NSDAP, die Motive der Handelnden und rücksichtslose Einzelinteressen blicken können, sind wir in der Lage, künftiges Unrecht zu erkennen und zu vermeiden. Es war schockierend, was sich am 10. November 1938 in Elzach abspielte: Ein beliebter Bürger wurde verhaftet. Wir wollen nicht mit dem Finger auf damalige Täter zeigen, aber wachsam sein, zumal das im Buch Geschilderte – leider – aktuell geworden ist, siehe Fremdenfeindlichkeit".

Was sich damals ereignete, das zeigte der Autor, indem er aus dem Buch Passagen vorlas und diese kommentierte. Gleich zu Beginn erwähnte er auch, dass es in Elzach seit einigen Jahren eine Erinnerungstafel an Dr. Türkheimer gebe am Haus, in dem er wohnte (Freiburger Straße, Haus Kellermann, heute Morseck) sowie eine Dr.-Bruno-Türkheimer-Straße.

Haumann ging weit über die Geschehnisse vom 10. November 1938 hinaus, als – im Zuge der von den Nazis in ganz Deutschland durchgeführten Pogromnacht mit Synagogenverbrennungen, Misshandlungen und Verhaftungen von Juden(9. November 1938) – es auch in Elzach eine von NSDAP und SA organisierte "Demonstration" gab – zum Haus Türkheimer (den einzigen Juden weit und breit) , wo die Fensterscheiben eingeworfen wurden, Türkheimer selbst verhaftet, und ins KZ Dachau deportiert. Dort wurde er schwer misshandelt, kam aber zurück und konnte mit seiner Familie noch in die USA ausreisen, wo er 1967 starb. Obwohl er also den NS-Terror überlebt hatte und auch in San Francisco weiter an seinem "lieben Elzach" hing, kam er nie mehr zurück, denn die "Judenaktion" 1938 hatte ihn zu schwer getroffen.

Haumann beschränkt sich aber nicht auf jenen 10. November: Woher kam die Familie Türkheimer, wie kam sie nach Elzach, wie lebte sie hier? Welche politischen Hintergründe hatte die ’"Judenaktion", wer war dafür verantwortlich, wie wurde sie nach 1945 juristisch aufgearbeitet? Wie wirkte sich in Elzach die NS-Herrschaft aus? Wie spitzte sich die Lage für die Türkheimers und Verwandten zu? Schließlich: Wie geht Elzach mit der Erinnerung um? Eine Riesenarbeit, auch für einen routinierten Historiker, allein schon die Anmerkungen zeigen es.

Das alles ergibt eine Fülle von Fakten und, natürlich, auch Namen. Mögliche Spielräume – ja, auch in der Diktatur (!) –, Verantwortlichkeiten, aber auch persönlicher Egoismus und das kleinstädtische Milieu mit seinen Vorurteilen werden aufgezeigt – auch als Mahnung für heute und später: "Es ist geschehen und kann deshalb wieder geschehen"(Primo Levi). Aber ohne besserwisserisches Fingerzeigen des heute Lebenden – Haumann: "Jeder soll sich sein eigenes Urteil bilden."

Das Buch: Heiko Haumann: Eine "Judenaktion" 1938 in Elzach. Die Ausschreitungen gegen die Familie Türkheimer – Hintergründe, Verantwortung, Folgen (Herausgeber: Stadt Elzach), Verlag Regionalkultur, 136 Seiten, ISBN 978-3-89735-926-0.


"Heimat" mal ganz anders

Fotoausstellung im Museum / Heute und morgen lange geöffnet.

 

25. Juli 2015

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung

von: Bernd Fackler


Strohzylinder Schönwald. Ähnliche Zylinder wurden früher zur Tracht auch im oberen Elztal getragen. Foto: Sebastian Wehrle

ELZACH (fa). "Heimat: Fabulous black Forest. Der Schwarzwald. Anmut. Schönheit. Liebe. Freiheit. Alles" heißt eine Ausstellung in der Heimatkundlichen Sammlung der Stadt Elzach in der Hauptstraße 39. Erstmals öffentlich zu sehen ist die Ausstellung an diesem Wochenende, und sogar besonders lange: Aus Anlass des Paracycling-Weltcups wird das Museum an beiden Tagen, Samstag und Sonntag, von 10 Uhr bis 20 Uhr (mindestens, oder auch länger, je nach Resonanz) geöffnet haben. Zu sehen sind großformatige Fotografien von "Schwarzwaldmaidli" in Tracht, aber einmal ganz anders als gewohnt. "Echte Heimatliebe, echte Begeisterung. Die Typen dahinter", also hinter dieser Ausstellung, sind, wie es auf dem Plakat heißt, Modedesigner Jochen Scherzinger aus Gütenbach und Fotograf Sebastian Wehrle aus Freiamt, ein gebürtiger Simonswälder.

Schon bei der Eröffnung fanden die fotografischen Kunstwerke große Beachtung. "Vielleicht kann man mehr zu seiner Heimat stehen und trotzdem weltoffen sein", sagte Sebastian Wehrle, der in kurzen Worten auf die Idee und Umsetzung der Bilder einging. Der Vorsitzende

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des fürs Museum zuständige Heimatgeschichtliche Arbeitskreis (HGA), Philipp
Häßler, dankte allen Helfern und auch den vier "Trachtemaidli" Lea Schonhard, Anna Lena und Laura Landwehr sowie Sarah Reuschel für die Bewirtung und besonders Sebastian Wehrle, "der ganz unkompliziert sich dazu bereit erklärte, die Bilder zur Verfügung zu stellen".

Bürgermeister Roland Tibi sinnierte über den Begriff "Heimat", wobei diese Ausstellung zeige, "welch offenen, zeitgemäßen Blick man auf das Thema haben kann". Außer der Sonderausstellung "Heimat" (die Bilder können auf käuflich erworben werden) ist die umgestaltete Heimatkundliche Sammlung zu besichtigen. Heute kann schon zum ersten Mal die Fastnachtsabteilung begutachtet werden, an der in den letzten Tagen viel gearbeitet wurde.




Der Strukturänderung folgt der neue Name

Gemeinderat Elzach sagt Ja zum "Schulzentrum Oberes Elztal".

Do, 21. Mai 2015

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Thomas Steimer


Museum: Der Heimatgeschichtliche Arbeitskreis Elzach e.V. (HGA) ist seit August 2014 für die Unterhaltung des Museums in der Hauptstraße verantwortlich. Seit einigen Monaten nimmt der HGA umfangreiche Renovierungsarbeiten vor. So werden im Erdgeschoss eine Küche eingebaut, der Boden aufgefrischt und dekorative Änderungen vorgenommen. Außerdem wird das erste Obergeschoss renoviert und neu gestaltet. Der Vorsitzende des HGA, Philipp Häßler, gab in der Sitzung einen Überblick über die Maßnahmen und erläuterte, dass der Verein damit eine bauliche und inhaltliche Neugestaltung und eine museumspädagogische Konzeption plane. Von den 550 Arbeitsstunden seien die meisten ehrenamtlich geleistet worden, außerdem habe der Verein von den bisherigen Kosten in Höhe von 8500 Euro den größten Teil übernommen, die Stadt habe sich mit 2500 Euro beteiligt. Für die weiteren Maßnahmen, so Häßler, seien nochmals 6000 bis 8000 Euro veranschlagt. Bürgermeister Tibi würdigte die Tätigkeiten des HGA, das Museum sei "in allerbesten Händen". Das Haus sei "unheimlich lebendig geworden, seit der HGA dort tätig ist". Der Gemeinderat stimmte daher auch einstimmig für die Auszahlung des Restvermögens des "Club Art e.V." in Höhe von 6835,18 Euro an den HGA zu. Bei der Auflösung des Vereins im Jahr 2008 hatte die Stadt dessen Restvermögen mit der Maßgabe erhalten, es für das Heimatmuseum zu verwenden.



Das veränderte Museum zeigt sich am Sonntag

Bauliche und inhaltliche Umgestaltungen im Erdgeschoss.

Sa, 02. Mai 2015

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Philipp Hässler

Aktive des Heimatgeschichtlichen Arbeitskreises bei der Neugestaltung der Räume und historischen Sammlung der Stadt in der Hauptstraße 39. Foto: Philipp Hässler


ELZACH. Dass sich in der Heimatkundlichen Sammlung der Stadt (Hauptstraße 39) baulich und inhaltlich was tut, ist seit Monaten abends an lange dort brennendem Licht und an regem Betrieb an Samstagen zu erahnen. Erste Ergebnisse kann man an diesem "Naturparkmarkt"-Sonntag zwischen 11 und 17 Uhr begutachten.

Seit Mitte 2014 ist der Heimatgeschichtliche Arbeitskreis (HGA) zuständig für dieses Heimatmuseum – ganz offiziell per einem auf zehn Jahre geschlossenen Nutzungsvertrag. Seither ist schon einiges passiert. Schnell war sich der Vorstand einig, dass organisatorische und bauliche Veränderungen nötig sind, um das Haus wieder verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

Erste Maßnahme waren andere Öffnungszeiten: Der HGA verpflichtete sich gegenüber der Stadt, das Museum immer samstags zwischen 10 und 12.30 Uhr zu öffnen. Überdies wird an speziellen Tagen, wie jetzt am 3. Mai beim Naturparkmarkt, das Haus für die Bevölkerung zugänglich gemacht. Ein großer Erfolg war der Museumshock im August 2014. Dort wurde auch die von Schreinermeister Christoph Hofmaier gefertigte, neue Theke am Eingang eingeweiht, an der Besucher auch ein Gläschen genießen dürfen.

Amtstisch des Bürgermeisters als Stammtisch


Zur Gemütlichkeit im Erdgeschoss trägt auch ein Stammtisch bei, über dem der von Arno Schurgelies restaurierte, ehemalige "Jägerhaus"-Kronleuchter seinen Platz fand. Nach längerem Suchen war auch der Stammtisch selbst gefunden worden: der ehemalige Amtstisch von Bürgermeister Michael Heitz.

Stichwort Naturparkmarkt 3. Mai: Dieses Datum ist wichtig, weil bis dahin der zweite Bauabschnitt im Erdgeschoss weitgehend fertig sein soll. Dazu gehört auch der Einbau einer Küche im Raum Richtung Schmiedgasse, um bei Veranstaltungen eine professionellere Infrastruktur zu haben. So nutzt etwa die Stadtrundganggruppe die Räume immer mal wieder für den Abschluss ihrer Tour.

Für die bauliche Umsetzung sorgen drei fleißige Handwerker: Schreinermeister Johannes Gäßler, Arno Schurgelies und Edgar Koslowski. Im Zentrum der Überlegungen für dieses "Küchenzimmer" stand die spannungserzeugende Symbiose alt-neu. Kein abgetrennter Raum sollte entstehen, sondern eine für die Öffentlichkeit zugängliche Bauweise, die gleichzeitig Ausstellungsfläche ist. In der Mitte wird nun ein alter "Schüttstei" (Spülstein) von massivem Schwarzwälder Tannenholz umrahmt. Und das Gerücht, das Wasser käme aus einem goldfarbenen Wasserhahn, stimmt übrigens auch. Überdies schafft der gezielte Einsatz von Licht eine besonders stimmungsvolle Atmosphäre. Ein fast 200 Jahre alter Türsturz schließt den Raum nach vorne ab.

Analog dazu unterzieht der HGA auch den großen Raum im Erdgeschoss einer optischen und inhaltlichen Neugestaltung: Die zwei Sakralräume bleiben bestehen, werden jedoch inhaltlich-fachlich fundiert stärker miteinbezogen. Der große Saal soll künftig einen stärkeren Fokus auf wechselnde, lebendige Inhalte haben und modernen museumspädagogischen Aspekten Rechnung tragen. Parallel dazu werden die Räume im ersten Obergeschoss (schwerpunktmäßig zur Fasnet) durch eine großzügigere Gestaltung, Einbeziehen neuer Medien und noch mehr Information neu konzipiert.

Ohne die Hilfe vieler, ehrenamtlich engagierter Helfer wäre dies nicht möglich. Ebenso wenig ohne spontane Mithilfe ansässiger Handwerker. Außerdem ist stets ein überschaubares Budget zu beachten, denn die Arbeiten sind auch finanziell eine große Herausforderung für den 150 Mitglieder-Verein. So wird der HGA auch künftig auf Mithilfe von Bürgern und Stadt bauen müssen, um in zentraler Lage im Städtchen einen Ort zu schaffen, der seiner geschichtlichen Bedeutung gerecht wird und einen Ort der Begegnung darstellt.

Wer Interesse an Mitarbeit hat, kann einfach mal vorbeischauen. Den HGA gibt’s auch in Facebook: http://www.hgaelzach.de